Ethnologie

Thursday, January 12, 2006

BOAS UND SEINE NACHFOLGER

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelte sich eine relativistische Haltung in der amerikanischen Anthropologie und es kam zu wichtigen Veränderungen durch Boas aber auch durch seine Nachfolger.

FRANZ BOAS (1858 – 1942)

Franz Boas stammt aus einer jüdisch-deutschen Familie und wurde 1858 in Minen in Westfahlen geboren. Er studierte in Heidelberg, Bonn und Kiel Geographie, Mathematik und Physik. 1882 zog er nach Berlin, wo er sich auf eine Forschungsexpedition ins nördliche Polargebiet vorbereitete und der „Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte“, sowie der „Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin“ beitrat. 1883-84 führte er seine erste Feldforschung bei den Inuit in Kanada in Baffin Island durch („The Central Eskimo“ 1888). 1886 emigrierte er in die USA. Gründe dafür waren der beginnende Antisemitismus, dem er jedoch bereits seit seiner Jugend ausgesetzt war, die politische Unzufriedenheit, wie aber auch die Faszination, die er für die USA hegte. 1899 begann er als Professor an der Columbia University in New York zu unterrichten, jener Stadt, in der er auch 1942 starb. [1][2]

Feldforschung bei den Inuit
Bei seiner ersten Feldforschung bei den Inuit, verglich Boas die Geographie und das Wissen, das die Bewohner darüber hatten. Dabei konnte er feststellen, dass das Wissen einer Gesellschaft nicht ausschließlich in Zusammenhang mit der Umwelt steht. Dadurch wandte er sich vom Umweltdeterminismus ab, welcher besagt, dass sich der Mensch an die Umgebung anpasst und somit das Verhalten von Personen vom „Wohnort“ abhängig ist.
Aus seinen Beobachtungen heraus entwickelte Boas den
KULTURRELATIVISMUS, der sich gegen den Rassismus wendet, sowie auch eine Gegenströmung zum Evolutionismus darstellt. [3] Boas meinte, dass man Informationen über Kulturen direkt einholen sollte, anstatt Spekulationen über die Vergangenheit zu machen. [4] So kritisierte Boas nicht nur den Evolutionismus, sondern auch die „Armchair“
Anthropologen und intensivierte die Feldforschung. Mit dem Ansatz des Kulturrelativismus meinte Boas, dass das Verhalten einer Gesellschaft nicht nur von der Umwelt abhängig ist, sondern jede Kultur nur aus sich selbst heraus zu verstehen sei (emische Betrachtungsweise). Das bedeutet, dass jede Kultur und auch die Geschichte einer Gesellschaft einzigartig ist und es dadurch auch nicht möglich sein kann, Gesellschaften miteinander zu vergleichen. Dies führte wiederum zu einer Kritik am Evolutionismus, der eine ethnozentrische Sichtweise beinhaltet, in der die eigene Kultur als „Maßstab“ gesehen wird. Boas vertritt im Sinne des Kulturrelativismus auch den Holismus, was bedeutet, dass Kultur als funktionales Ganzes betrachtet wird und Kulturen nicht miteinander verglichen und auch nicht bewertet werden sollen. Nach dem Prinzip: Beobachten ja, Eingreifen nein. [3] Weiters geht der Kulturrelativismus davon aus, dass alle Menschen die gleichen intellektuellen Voraussetzungen haben, aber von Kontext und Umwelt geprägt und geformt werden. Das Verhalten von Personen unterschiedlicher Gesellschaften, muss somit immer aus dem spezifischen Kulturverständnis einer Gemeinschaft heraus verstanden werden. [5] Boas kritisierte daher auch die vergleichende Methode und meinte, eine Generalisierung solle vermieden werden: „Selbst wenn ein Gebiet gut erforscht ist, können nur Vermutungen angestellt werden, keine allgemeingültigen Aussagen…“ [6] Innerhalb des Kulturrelativismus gab es zwei verschiedene Strömungen. Den schwachen Kulturrelativismus, der zwar die Unterschiede jeder Gesellschaft betonte, jedoch auch Gemeinsamkeiten mit anderen Gesellschaften anerkannte, wogegen der starke die Unterschiede zwischen Kulturen als absolut betrachtete, was auch ein Vergleichen verschiedener Ethnien nicht möglich machte. [7]

Feldforschung bei den Kwakiutl
Eine weitere wichtige Feldforschung führte Boas bei den Kwakiutl an der nordamerikanischen Westküste durch. Er setzte sich dabei näher mit dem Fest POTLACH dieser Wildbeutergesellschaft auseinander. Potlach bedeutet übersetzt „geben“. Der Name bezeichnet ein Geschenkritual unter erwachsenen Männern. Der Gastgeber verteilt Geschenke an seine Gäste und hofft darauf, Gegengaben zu erhalten. Durch die Vergabe von Geschenken wird der Reichtum des Gastgebers demonstriert, wobei der Wert des Ansehens über Materiellem steht.
Die Beobachtungen, die Boas bei dieser Feldforschung machte, bildeten für ihn einen weiteren Grund, den Evolutionismus in Frage zu stellen, da in der Evolutionstheorie Morgans Wildbeutergesellschaften (Jäger und Sammler) als die „primitivste“ Form von Gesellschaften beschrieben werden. Die Kwakiutl haben jedoch einen hohen Lebensstandard und ein weit entwickeltes Kunsthandwerk. Weiters findet man bei diesen Wildbeutern eine starke innere Hierarchie mit Ansätzen der Sklaverei vor. (“The Social Organisation and the Secrect Societies of the Kwakiutl Indians“ 1895) [1]

Mit der Feldforschung bei den Kwakiutl verfolgte Boas zwei Ziele:
- er wollte die Kultur so darstellen, wie sie von den Mitgliedern dieser verstanden wird
- die Untersuchung von Sprachvariationen, physischen Charakteristika und Bräuchen
Als sich Boas mit letzterem beschäftigte, stellte er fest, dass diese drei Bereiche nicht zusammenhängend sein müssen. So kann es sein, dass Kulturen, die z. B. die gleiche Sprache sprechen, andere Bräuche haben. Da nun verschiedene Bereiche der Anthropologie nicht miteinander verbunden sein müssen, entwickelte Boas die 4 field approach, bestehend aus:
- biologischer Anthropologie - soziokultureller Anthropologie
- linguistischer Anthropologie - archäologischer Anthropologie
Aus diesem Grund wird Boas auch als Gründervater der amerikanischen Anthropologie bezeichnet. [3]

Kultur ist wie Sprache
Weiters legte Boas großen Wert auf die Sprache. Er meinte: Kultur ist wie Sprache. Was bedeutet, das Sprache, gleich wie Kultur nur aus der jeweiligen Gesellschaft heraus zu verstehen sei. Sie kann nur richtig verstanden werden, wenn man sie von Anfang an „von klein auf“ gelernt hat. Dieser Ansicht nach sind Kulturen nur schwer zugänglich. [7]
Sprache bildet somit den Zugang zu Kultur und spiegelt die Mentalität der Gesellschaft wider. Deshalb war Boas der Meinung, dass es für einen guten Ethnologen Pflicht sei, die Sprache, wie auch typische Ausdrücke und Redewendungen der zu erforschenden Kultur zu erlernen. [1]

The Mind of Primitive Man 1911
Boas war ein großer Antirassist. In dem Buch „The Mind of Primitive Man“ wandte er sich gegen den beginnenden Rassismus. Er meinte, die weiße „Rasse“ sei nicht überlegen, sondern nur mehr bevorzugt als andere „Rassen“. Auch in Deutschland, nach dem Aufkommen des Nationalsozialismus, sprach er sich gegen den Rassismus aus. [4]

Kritik
Das Positive am Kulturrelativismus ist die Ansicht, dass alle Kulturen gleichwertig sind. Weiters werden verschiedene Bräuche und Verhaltensmuster „fremder“ Gesellschaften nicht von vorn herein verurteilt, da versucht wird, jede Kultur aus sich selbst heraus und im Kontext mit ihrer Umwelt zu verstehen. Somit wendet sich dieser Ansatz gegen eine ethnozentrische Betrachtungsweise von Gesellschaften, wie aber auch gegen den Rassismus. Das Problem daran ist jedoch, dass Kulturen nicht kritisch betrachtet werden können, da man sie nicht bewerten darf. So werden Handlungen, wie z. B. die Genitalverstümmelung, als in einer bestimmten Kultur gegeben hingenommen und deren Sinnhaftigkeit nicht in Frage gestellt. [3] Ein weiterer Nachteil besteht darin, dass die holistische Sichtweise und die Annahme, dass Kulturen nicht vergleichbar sind, keine sinnvolle Verallgemeinerung der Ethnologie zulassen. So ist auch eine Kritik an Boas, keine neuen Theorien entwickelt, sondern nur bereits vorhandene kritisiert zu haben. Er setzte jedoch wichtige Schritte, hin zu einer guten Feldforschung. [1]

Boas und seine Schüler
Boas brachte zwei wichtige Generationen von Anthropologen hervor, wobei ich mich mit den zwei Schülerinnen der zweiten Schülergeneration näher auseinandersetzen werde.
1. Schülergeneration
Kroeber, Sapir, Lowie
Kroeber und Sapir vertraten einen starken Kulturrelativismus. Sapir entwickelte gemeinsam mit seinem Schüler Whorf die linguistische Relativitätstheorie welche besagt, dass Sprache eine hohe Eigenlogik besitzt und somit das Leben entscheidend prägt. Sprache prägt Denken, Denken prägt Wirklichkeit. Sprache ist somit Ausdrucksmittel für Kultur und alles andere ist nachrangig.
Lowie hingegen vertrat einen schwachen Kulturrelativismus. Er betrachtete Kultur als etwas Dynamisches und betonte die Lokalgeschichte. [7]
2. Schülergeneration
Benedict, Mead

RUTH FULTON BENEDICT (1887 – 1948)

Benedict wurde 1887 in New York geboren. Zunächst studierte sie an der Frauenuniversität (Vassar College) und unterrichtete an einer Mädchenschule. 1914 heiratete sie und 1921 begann sie Anthropologie an der Columbia University zu studieren. Sie verblieb an der Universität, aber erst 2 Monate vor ihrem Tod, erhielt sie eine volle Professur. [1] [2]

Benedict gilt zusammen mit Boas als Begründerin der amerikanischen Anthropologie. Sie und Mead bauten auf Sapir auf und befassten sich mit der Kultur- und Persönlichkeitslehre (Culture and Personality School). Durch sie beide wurde die amerikanische Anthropologie zugänglich für die Öffentlichkeit. Benedict betrieb Feldforschungen bei den Serrano (Kalifornien), den Zuni, Cochiti und Pima (New Mexico) und den Dobuans (Melanesien). [3] [2]

Patterns of Culture 1934
Patterns of Culture ist das berühmteste Werk von Benedict und das am häufigsten verkaufte Buch der Anthropologie. Sie verglich darin drei Völker (Zunis, Kwakiutl und Dobuans), kontrastierte diese drei Kulturen und übte Kritik an der amerikanischen Gesellschaft. Weiters beschäftigte sie sich mit dem Problem der kulturellen Vielfalt, kritisierte den Rassismus und vertrat eine holistische Sichtweise.
In Anlehnung an Nietzsche nannte sie die:
- Zunis appolinisch: in dieser Gesellschaft stand Zusammenarbeit und Harmonie im
Vordergrund. Die Zunis führten ein friedvolles und geordnetes Leben.
- Dobuans paranoid: in ihrer Kultur herrschte Verrat und Feindschaft vor und war von
großem Konkurrenzstreben geprägt
- Kwakiutl als dionysisch: hier stand Rivalität und Streitsucht im Vordergrund.
Die Gesellschaft verhielt sich exzessiv und leidenschaftlich.
Aufgrund der Untersuchung dieser drei Kulturen stellte Benedict fest, dass Gesellschaften völlig unterschiedliche Verhaltensmuster aufweisen können. Somit kam sie zu dem Schluss, dass Normalität kulturell gebunden ist. Das bedeutet, dass jede Kultur für sich selbst festlegt, was als „normal“ gilt. [1] [3] Benedict meinte, jede Kultur besitze „patterns“, also kulturelle Muster und jede Gesellschaft habe somit eine Anzahl von Kulturelementen zur Verfügung, aus denen sie auswählen kann. So prägen sich, ihrer Ansicht nach, bestimmte Kulturtypen heraus. [8] Am Ende des Buches folgt ein Plädoyer für die Akzeptanz und das Verständnis für kulturelle Vielfalt [3]

The Crysanthemum and the Sword 1946
Dies ist ein weiteres wichtiges Werk von Benedict. Es handelt sich dabei um eine Nationalcharakterstudie, die sie für das OWI (Office of War Information), für das sie im zweiten Weltkrieg arbeitete, durchführte. Sie untersuchte die „Kulturmuster“ der Japaner, um diese besser verstehen zu können, wodurch es der amerikanischen Armee ermöglicht wurde die Japaner mit effektiveren Strategien zu bekämpfen. Benedict führte dafür keine Feldforschung durch, sondern erhielt ihre Informationen aus Literaturstudien und Interviews mit japanischen Gefangenen. [3]

Kritik
Benedict leistete wichtige Arbeit auf dem Gebiet der Kultur- und Persönlichkeitsforschung und versuchte auch inderdisziplinär zu agieren. Weiters war es ihr gelungen, mit ihren Werken, die Anthropologie einem nicht-wissenschaftlichen Publikum näher zu bringen und mit ihrem Konzept der „Kulturmuster“, zeigte sie erneut die Unterschiede zwischen Gesellschaften auf. Jedoch wird sie für ihre geringe Feldforschung kritisiert und ihr wird vorgeworfen, dass sie stereotypisierte und „ungenau“ forschte, um ihre Thesen zu stützen. [1] [8]

MARGARET MEAD (1901 – 1978)

Mead wurde 1901 in Philadelphia geboren und studierte an der Columbia University. Sie ging davon aus, dass das Sozialverhalten von Menschen formbar und kulturbestimmt sei und behandelt in ihren Arbeiten des weiteren die Debatte Natur vs. Kultur. [1] [2]

Coming of Age in Samoa 1928
Coming of Age in Samoa ist ihr wichtigstes Werk. 1925 entsandte Boas Mead nach Samoa um die Pubertät der heranwachsenden Samoaner zu untersuchen. Sie behandelte die Frage, ob die Zeit der Pubertät immer eine Phase der „Krise“ darstellt, oder ob dieser Lebensabschnitt kulturell unterschiedlich ist. Insgesamt verbrachte sie neun Monate in Samoa. Nach dieser Zeit und einer etwas „fragwürdigen“ Methode (nur eine sehr kleine Gruppe samoanischer Mädchen wurde befragt, geringe Kenntnis der Sprache, keine Überprüfung der Aussagen), kam sie zu dem Ergebnis, dass die Pubertät im Gegensatz zu den USA in Samoa problemlos verläuft und eine schöne und unbeschwerte Zeit im Leben samoanischer Jugendlicher darstellt. Am Ende ihres Buches meinte sie, dass man in den USA etwas von der Freizügigkeit der Samoaner annehmen solle um in den Vereinigten Staaten die Probleme der Pubertät zu lösen.
Durch weitere Studien in Samoa von anderen Wissenschaftlern, wurde das Ergebnis von Mead jedoch widerlegt. [3]

Weiters beschäftigte sich Mead besonders mit dem Thema Weiblichkeit und Männlichkeit.
(Gender)

Kritik
Mead hatte starken Einfluss auf die psychologische Anthropologie und auch ihr war es durch ihren „lockeren“ Schreibstil möglich die Wissenschaft der Anthropologie für ein breites Publikum zu öffnen. Weiters hatte sie zum Ziel, Ethnologie zum Nutzen der Menschen einzusetzen. Besonders kritisiert wurde sie für ihre „Feldforschung“ in Samoa, im speziellen von Derek Freeman. Er übte Kritik an Mead für den von ihr dargestellten Südseemythos und vor allem an ihren methodischen Mängeln, wodurch sie immer das „fand was sie suchte“ und ihr wichtige Informationen entgingen (oder auch gewollt übersehen wurden). [1] [3]

Zur Zeit von Mead und Benedict hatte der deutsche Einfluss auf die amerikanische Anthropologie seinen Höhepunkt. So beinhalten die Werke der beiden
Theorien von Freud und Nietzsche. Auch die Politik zeigte große Einwirkung auf ethnologische Untersuchungen, was zu vielen Debatten führte. Es wurde behauptet, Anthropologen ließen sich ausnützen, um ihr Wissen für den Krieg einzusetzen. Hierbei stellt sich jedoch die Frage, in wie weit ethnologische Forschungen bei der Kriegsführung tatsächlich über Sieg oder Niederlage entscheiden konnten.
Eine wichtige Neuerung in der amerikanischen Anthropologie, die aufgrund des Kulturrelativismus entstand, war die Abwendung vom Ethnozentrismus. Die eigene Kultur wurde nicht mehr als „Vorbild“ und etwas „Besseres“ angesehen. Daher war es nun auch möglich, durch ethnologische Untersuchungen auch die Moral in der eigenen Kultur zu hinterfragen. Weiters bahnte sich die amerikanische Anthropologie mit den Werken von Mead und Benedict einen Weg in die Öffentlichkeit, womit es auch einem nicht-wissenschaftlichen Publikum erstmals möglich war, sich mit Fragestellungen und Themen der Anthropologie auseinander zusetzten. Das wiederum führte dazu, dass die Gesellschaft begann, über die Werte und Bräuche in der eigenen Kultur nachzudenken und es somit nicht mehr von vorn herein selbstverständlich war, das „Eigene“ als das „einzig Wahre“ und das „Fremde“ als etwas „Minderwertiges“ zu betrachten.


Quellen

[1] REFERAT über Franz Boas, Margaret Mead und Ruth Benedict vom 9.12. 2005
Gruppe 2, NIG Wien

[2] BARTH, Fredrik; GINGRICH, Adre; PARKIN, Robert; SILVERMAN, Sydel 2005:
One Discipline, Four Ways: British, German, French, and American Anthropology –
University of Chicago Press
Kapitel: Silverman, Sydel: The United States: The Boasians and the Invention of
Cultural Anthropology S 257-274

[3] VORLESUNG, Tutorium zur Einführung in die Geschichte der Kultur- und
Sozialanthropologie vom 9.12.2005, NIG Wien

[4] BARNARD, Alan 2000: history and theory in anthropology – Cambridge University
Press

[5] http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/%7Etkirrste/kulturrelativismus.html
28.12.2005, 15 : 23

[6] http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/%7Etkirrste/franz_boas.html
28.12.2005, 15 : 23

[7] VORLESUNG, Dr. Andre Gingrich o. Univ.-Prof.,Einführung in die Geschichte der Kultur-
und Sozialanthropologie vom 9.11.2005, NIG Wien

[8] http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/%7Etkirrste/ruth_benedict.html
28.12.2005, 15 : 23

Friday, November 25, 2005

Evolutionismus

Das Wort Evolutionismus kommt aus dem Lateinischen (Evolution lat. = evolvere abwickeln, entwickeln) und wird somit auch als Entwicklungslehre bezeichnet. [1]
Unter Evolution versteht man die Entwicklung einfacher Systeme hin zu komplexeren. [2]
Auch heute noch ist Evolutionismus ein aktuelles Thema, denn noch immer ist die große Frage der Entwicklung der „Lebewelt“ wie wir sie heute kennen nicht eindeutig belegbar. Dies kommt in häufigen Debatten über unterschiedliche Sichtweisen der Evolution, vor allem in den USA, zum Ausdruck. Bevor ich jedoch auf die Bedeutung des Evolutionismus in der heutigen Gesellschaft näher eingehe, möchte ich mich mit dem Begriff selbst und den ersten Ansätzen zur Erklärung menschlicher Entwicklung befassen.


Prämissen des Evolutionismus

Die Idee des Evolutionismus etablierte sich im 19. Jh. in den Naturwissenschaften sowie der Philosophie.
Die beiden wichtigsten Vertreter der Evolutionstheorien der NATURWISSENSCHAFTEN waren die Biologen Jean Baptiste Lamarck und Charles Darwin.

Jean Baptiste Lamarck (1744 – 1829) führte die Entwicklung unterschiedlicher Lebensformen auf Anpassung zurück.
Charles Darwin (1809 – 1882) sah die Evolution als Entwicklungsprozess von einfachen zu komplexeren Formen. Diesen Mechanismus bezeichnete er als „sexual selection“
Das bedeutet, dass nur jene Individuen, die sich fortpflanzen, ihre Gene weitervererben können. Sie verändern sich dadurch und es entsteht eine neue Art der Spezies. [2] [3]

Auch in der Archäologie beschäftigte man sich mit dem Gedanken des Evolutionismus. 1836 propagierten Christian Jürgensen Thomsen, Seven Nilsson und andere, die Weiterentwicklung der Menschen in der 3-Zeitaltertheorie (Stein-, Bronze- und Einsenzeitalter). [2]


Die Erkenntnisse in den Naturwissenschaften, hatten natürlich Einfluss auf andere Disziplinen, wie zum Beispiel auf die PHILOSOPHIE. Es entwickelte sich der Gedanke der „Aufklärung“. Wichtige Philosophen waren Jean-Jacques Rousseau und Thomas Hops, die zwei gänzlich unterschiedliche Sichtweisen der Menschheit vertraten. [2] [3]

Auch der Philosph Karl Marx (1818 – 1883) war von der Idee des Evolutionismus beeinflusst und konstruierte das 3 Stadiengesetz:
Sklavenartiges System→ Feudalgesellschaft→ Kapitalismus
Seiner Ansicht nach entwickelten sich die Menschen von einer Sklavenhaltergesellschaft hin zur klassenlosen Gesellschaft [4]


Das neue Gedankengut der Evolution zeigte auch große Auswirkungen auf die RELIGION. Durch die neuen Theorien wurde die biblische Schöpfungsgeschichte in Frage gestellt. Soziale Phänomene sah man nun nicht mehr als gottgewollt, sondern als vom Menschen beeinflussbar, was in weiterer Folge ein Grund für die Säkularisierung war. Daher wurden die Ideen Darwins als Bedrohung für die Kirche gesehen. [2]



Aus den bereits erwähnten Denkansätzen der Evolution entstanden auch die Evolutionstheorien der ANTHROPOLOGIE.
Diese teilten sich in 4 unterschiedliche Denkansätze:
unilinearer Evolutionismus
universaler Evolutionismus
multilinearer Evolutionismus
Neo-Darwinismus [2]

Unilinearer Evolutionismus
Die bedeutendsten Theorien und somit auch die wichtigsten Vertreter der Evolutionstheorie der Anthropologie finden wir im unilinearen Evolutionismus. (Lewis Henry Morgan, Edward B. Tyler und James Frazer)
Dieser Ansatz ging davon aus, dass alle Gesellschaften dieselben Entwicklungsstadien durchlaufen. Demnach befinden sich jene, die sich langsamer entwickeln, auf einem niedrigeren Level. Dabei wurden von unterschiedlichen Evolutionisten, verschiedene Punkte hervorgehoben, wie zum Beispiel materielle Kultur, Subsistenzmittel, Verwandtschaftsorganisation oder religiöse Vorstellungen. Generell ging man aber davon aus, dass eine Veränderung in einem Bereich, auch eine Veränderung in den anderen Bereichen hervorruft. Entstanden ist die Idee des unilinearen Evolutionismus im frühen 19 Jh., hatte ihren Höhepunkt jedoch erst im späten 19 Jh. [2]

Lewis Henry Morgan (1818 – 1881) wurde am 21. Nov. 1818 in Aurora, New York geboren. Er war einer der wenigen Forscher des 19. Jh., die bereits Feldforschung betrieben haben. Morgan entdeckte Verwandtschaftsterminologien und stellte so einen Vergleich von Verwandtschaftssystemen auf. Er war aber nicht nur in der Anthropologie, sondern auch in der Politik erfolgreich. 1877 schrieb er sein wohl berühmtestes Werk „Ancient Society“ (die Urgesellschaft) und teilte die Entwicklung der Menschheit in 3 Stufen ein:
Wildheit: ( Jäger und Sammler) diese bildete die erste und somit „niedrigste“ Stufe
Barbarei: (Nomaden und Bodenbauern)
Zivilisation: (Staatsgesellschaft) diese stellte die dritte und somit „höchste“ Stufe der menschlichen Entwicklung dar (Beginn des Schriftentums) [2] [3]

Tyler und Frazer widmeten ihre Aufmerksamkeit der Religion. Im Gegensatz zu Morgan waren sie „Armchair Anthropologists“, betrieben also noch keine Feldforschung.
Edward B. Tyler (1832 -1917) wurde am 2. Okt. 1832 in London, England geboren. Sein wichtigstes Werk war „Primitive Culture“ (1871). Er vertrat die Idee, dass die menschliche Entwicklung basierend auf Religion erfolgte. Von der einfachen Form des Animismus (somit der „Urform“ von Religion) hin zur komplexen Religionsform des Monotheismus. Die Entwicklungsstufen waren:
Animismus
Totemismus
Polytheismus
Monotheismus

Ein weiterer Ansatz Tylers war die Theorie der „survivals“ Damit vertrat er die Idee, dass kulturelle Eigenschaften, die man sich früher angeeignet hatte, heute noch in den Gesellschaften vorhanden sind. Somit glaubte er, durch „Überbleibsel“ von einstigen Kulturen in der Gegenwart, Rückschlüsse auf vergangene Zeiten ziehen zu können. [2][3]

James Frazer (1854 – 1941) wurde am 1. Jän. 1854 in Glasgow, Schottland geboren. In seinem bedeutendsten Werk „The Golden Bough“ (Erstausgabe 1890) behandelt er die Themen Magie und Religion. Frazer war der Ansicht, dass Entwicklung in den Stadien Magie, Religion und Wissenschaft erfolgte. [2] [3]

Universaler Evolutionismus
Dieser Ansatz kam im frühen 20. Jh. auf. Wegen des neuen ethnographischen Materials ersetzte man die präzisen unilinearen Phasen durch „universale Phasen“ der Entwicklung. Die Hauptvertreter dieser Richtung waren V. Gordon Childe (Australien) und Leslie White (Amerika). [2]

Multilinearer Evolutionismus
Bei diesem Strang wurde der Schwerpunkt auf den historischen Bereich und wirtschaftliche Faktoren gelegt. Man ging davon aus, dass sich alle Dinge überall auf der Welt in derselben Art und Weise entwickeln, jedoch nicht zur selben Zeit. Die Vertreter dieser Ansicht waren Julian H. Steward und George Peter Murdock. [2]

Neo-Darwinismus
Der Neo-Darwinismus bestand aus unterschiedlichen Perspektiven. Dabei waren zwei grundsätzliche Denkansätze wichtig: die Soziobiologie und „revolutionäres“ Denken.
Der Begriff Soziobiologie kam 1970 durch E. O. Wilson auf. Er brachte unterschiedliche biologische Denkansätze in einen Zusammenhang und verknüpfte diese mit den Überlegungen Darwins. [2]


Evolutionismus und die Gegenwart

Alle Ansätze der unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen untersuchten den Ursprung der Menschheit, wobei von Spekulationen ausgegangen wurde. Viele dieser Theorien sind heute nicht mehr anwendbar. Jedoch gab es aber auch einige wichtige Errungenschaften in der Zeit des Evolutionismus, wie die Entwicklung wichtiger Termini und Theorien.
Morgans Inhalte bzw. Beschreibungen der Begriffe Wildheit, Barbarei und Zivilisation sind heute noch anwendbar, wobei die Begriffsbezeichnungen nicht mehr verwendet werden.
Im Gegensatz dazu finden wir die Termini Tyler´s und Frazer´s auch in der heutigen Anthropologie wieder, jedoch nicht ihre Konzepte. Weiters wurde eine Vielzahl ethnographischen Materials gesammelt und aufgezeichnet und noch heute relevante Fragestellungen entwickelt.

Die Theorie, dass alle Menschen dieselben Stadien durchlaufen und mit dem letzten Stadium ihre „Reife“ erreicht haben, stellt jedoch ein Problem dar. Dies müsste schließlich bedeuten, dass unsere Kultur, da wir eine Schriftkultur besitzen und industrialisiert sind, die „höchste“ sei und somit alle anderen Gesellschaften, die diese Voraussetzungen nicht erfüllen, rückständig wären. Diese ethnozentrische Sichtweise stellt natürlich einen Kritikpunkt an den Evolutionstheorien dar.

Ganz scheint das damalige Gedankengut der Evolution jedoch noch nicht aus den Köpfen der heutigen Gesellschaft verschwunden zu sein. Immer noch versucht man die so genannten „unterentwickelten“ Länder durch Entwicklungszusammenarbeit an unser „Level“ anzupassen. Demnach finden wir den Evolutionismus auch in der Wirtschaft in unterschiedlichen Entwicklungstheorien, wie zum Beispiel der Stufentheorie Walt W. Rostow´s (1960) wieder. Diese hat das Ziel, traditionelle Gesellschaften zu „modernisieren“. [5] Damals wie heute wird in fremde Kulturen eingegriffen um diese zu industrialisieren und unseren westlichen Vorstellungen von Politik und Wirtschaft anzupassen. Daraus könnte man also schließen, dass noch immer von „niedrigen“ und „höheren“ Entwicklungsstufen ausgegangen wird, mit dem Ziel unseren Entwicklungsstand zu erreichen.

Auch die Religion wird weiterhin vom Evolutionismus beeinflusst. Gedanken der Aufklärung führen zur Säkularisierung der Kirche. Die Evolution aus Sicht der Religion (Gott als Schöpfer aller Lebewesen und deren Institutionen) wird in Frage gestellt und zumeist durch den Glauben an eine andere Evolutionsgeschichte verworfen. Wie schon erwähnt, kommt dies in den USA stark zum Ausdruck, wo sogar versucht wurde, die Lehre der biologischen Evolution in amerikanischen Schulen zu verbieten.

Der Gedanke der Evolution führte zu beträchtlichen Veränderungen in allen wissenschaftlichen Bereichen, wie auch im privaten Leben jedes Einzelnen. Evolutionismus war und ist auch heute noch ein wichtiges Thema der Gesellschaft und oft Grundlage vieler Diskussionen.


Quellen

[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Evolution 21.11. / 13:36

[2] BARNARD, Alan 2000: history and theory in anthropology – Cambridge University
Press

[3] BARTH, Fredrik; GINGRICH, Adre; PARKIN, Robert; SILVERMAN, Sydel 2005:
One Discipline, Four Ways: British, German, French, and American Anthropology –
University of Chicago Press

[4] http://www.inwent.org/E+Z/1997-2002/ez100-4.htm 20.11. / 10:18

[5] FISCHER, Karin; MARAL-HANAK, Irmi; HÖDL, Gerald; PARNREITER, Christof (Hg.)
2004: Entwicklung und Unterentwicklung: Eine Einführung in Probleme, Theorien und Strategien – Mandelbaum Verlag Wien